29. [Januar 1861, Karlsruhe] In Kleists Briefen gelesen, welche wunderliche sittliche Pedanterie!
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13. [Februar 1861, Karlsruhe] Nach dem Tee Kleist's Briefe vorgelesen. Welch interessantes Gemälde eines Seelenkranken, dem der Schwerpunkt des Glaubens fehlt, des Glaubens an eine ewige Vollkommenheit und allem Glück, aller Liebe, Freude, Vervollkommnung des Menschen damit. Und dabei dies peinliche Ringen nach Vervollkommnung. Bedauernswert!
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20. [Februar 1861, Darmstadt] Wir lasen nach dem Tee noch Kleists Briefe; welch ein Unglück, ein geistreicher poetischer Kopf voll Unvernunft.
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23. [Februar 1861, Darmstadt] Kleists Briefe zu Ende gelesen. Sein Tod ist völlig unwürdig, dieses Weib hat sein Ende beschmutzt. Welche elende Frivolität und läppisch affektierte Spielerei mit den letzten Stunden. Und wenn ihre gegenseitigen Beziehungen ganz ferne von Sinnlichkeit gewesen, wozu erst das Übernachten im Wirtshause, sie hätten ja am ersten Tage sterben können. Alles falsch und faul und verrückt, und diese Manier, das Leben zu verlassen, ein Frevel und eine Geschmacklosigkeit. -


Aus: Devrient, Eduard: Aus seinen Tagebüchern. Hrsg. von Rolf Kabel. [Bd. 2]: Karlsruhe 1852-1870. Weimar: Böhlau 1964. S. 371-373. (Veröffentlichung der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin)