Otto Franz Gesichen
Kleists Tod


Aus der dreibändigen Goethe-Biographie in Versen, die der Veteran der deutschen Literatur im 83. Lebensjahr vollendet hat, bringen wir einen Abschnitt zum heutigen Todestage Kleists.

In jungen Jahren hatte Kleist schon oft
Gewünscht, vereint mit einem Freund zu sterben,
Doch anders kam es jetzt, als er gehofft.

Sein Dichterglück war Stück um Stück in Scherben
Zertrümmert, und vergebens blieb sein Ringen,
Nur seinem Namen Ruhm noch zu erwerben.

Doch sollte ihm nicht einmal das gelingen!
Er blieb der Welt fast völlig unbekannt
Und hatte nicht mehr Kraft, sich aufzuschwingen.

Erst in Frau Henriette Vogel fand
Die Freundin er, die ihm es nicht verwehrt,
Vereint mit ihr ins "unentdeckte Land,

Von dess' Bezirk kein Wand'rer wiederkehrt",
Zu fliehn und zu entgehn der "Schmach, durch die
Der Unwert schweigendes Verdienst versehrt."

Nicht vollbeglückt in ihrer Ehe, nie
Gesundheitlich wohlauf, war Henriette
Bedrückt von sorgender Melancholie.

Sehr musikalisch, sang sie oft Motette
Mit Kleist und bat ihn einstmals grambewegt,
Daß er sie vor qualvollem Tod errette,

Falls eine Ahnung, die sie längst gehegt,
Und die der Arzt ihr jüngst bestätigt habe,
Sich bald erfüllt und sie auf's Siechbett legt.

In seiner eigenen Sehnsucht nach dem Grabe
Schwur Kleist, den Freundschaftsdienst ihr zu erzeigen,
Daß ew'gen Friedens sie sich dann erlabe.

Noch einmal schien das Glück sich ihm zu neigen:
Der Preußenkönig stellt ihn wieder an
Als Offizier in seines Heeres Reigen.

Zuvörderst lag für Kleist es nur daran,
Wie er zur Equipierung bei den Waffen
Und Schuldentilgung Geld erborgen kann.

Er muß entschlossen sich zusammenraffen,
Um sich's in Frankfurt an der Oder bei
Ulrike, seiner Schwester, zu verschaffen.

Half diese Treu'ste ihm in vielerlei
Notlagen doch schon oft, sie macht auch jetzt
Gewiß ihn nochmals aller Sorgen frei.

Er eilt nach Frankfurt. Aber jäh entsetzt
Starrt ihn beim ungeahnten Wiedersehn
Ulrike an und fühlt sich tief verletzt

Durch sein ersichtlich klägliches Ergehn
Und seine arg verfallene Erscheinung.
Was weiter dann in dem Gespräch gescheh'n,

Als andre Anverwandte ihre Meinung
Auch ausgesprochen, ist noch rätselhaft.
Kleist hörte nur aus allem die Verneinung

Des eignen Wunsches, seiner müden Kraft
Zum letzten Male Beistand zu gewähren.
Wie mannhaft er sich auch zusammenrafft,

So kann er doch der Sippe nicht erklären,
Wie viele kühn geplante Dichtungen
In seinem todesmatten Hirn noch gären.

Bedrückt durch früh're Schuldverpflichtungen,
Fühlt er, wie recht die Seinen füglich haben,
Daß er bisher in allen Richtungen

Trotz seiner überreichen Geistesgaben
Nicht die gehegten Hoffnungen erfüllte,
Und daß mit ihm sein Name wird begraben.

Wie ein im Moor Versinkender von Bülte
Zu Bülte sich zu retten sucht, so schaut
Kleist prüfend aus: wer hier im Kreis enthüllte

Genug Verständnis, daß er ihm vertraut
Das ganze Inn're seiner wunden Brust?
Nicht einer! Auch Ulrike nicht! Ihm graut,

Daß er sich so erniedrigen gemußt,
Hier Hilfe zu erbitten! Eiligst nahm
Er Abschied, klagte nicht um den Verlust
Und fuhr heim nach Berlin in tiefster Scham.

Zum Eintritt in die preußische Armee
Gebrach es Kleist nunmehr an Equipierung.
Auch bebte er zurück vor der Idee:

Wenn Preußen sich verstände zur Alliierung
Mit Frankreich, müsse mit dem Preußenheer
Auch er dem "Mordgeist" helfen, die Regierung

Europas ganz an sich zu reißen. Schwer
Empfand Kleist als getreuer Patriot
Dies tragische Dilemma. Hoffnungsleer

Späht er nach einem Fluchtweg aus der Not,
Doch seiner gramgebeugten Seele zeigt
Auch hier den Pfad der Rettung nur der Tod.

Der trübe zwanzigste November neigt
Sich schon zum Scheiden. Einem schlichten Wagen,
Der sie vereint nach Wannsee fuhr, entsteigt

Kleist und Frau Henriette. Beide fragen
Beim Wirt "Zum Stimming" an, ob Nachtquartier
Zu haben sei, und auf Bejahung tragen

Dem Kutscher sie die Heimkehr auf, da hier
Sie nun verbleiben wollen. Einsam schreiten
Sie trotz des Nebels durch das Waldrevier,

Sehn drunten sich den kleinen Wannsee breiten
Und droben über den bemoosten Föhren
Mit schwerem Flug die Krähen krächzend gleiten.

Kein Vogelsang ertönt, nur Hirsche röhren
Dumpf in der Ferne. Eifrig läßt der Specht
Sein Hämmern wie ein wack'rer Schreiner hören,

Als suche er die Bretter schon zurecht
Zu Särgen. Kleist und Henriette gehn
Am See entlang, belustigen nach echt

Kindhafter Art sich, fröhlich zuzusehn,
Wie sprungweis auf des Sees Fläche sich
Die waagerecht geworf'nen Steine dreh'n.

Der kühle Abend treibt unweigerlich
Doch beide früh in ihr geheiztes Zimmer,
Wo beim Briefschreiben schnell die Zeit verstrich.

Der wach geblieb'ne Hausknecht sah den Schimmer
Der Lichter in dem ersten Stock die Nacht
Hindurch erglänzen, bis der Morgen nimmer

Fern war und nebelig der Tag erwacht.
Um zwölft Uhr mittags senden Kleist und seine
Gefährtin einen Boten, klug bedacht,

Ab nach Berlin, um einem Freunde eine
Mitteilung in verschlossnem Brief zu bringen,
Darin von ihrem Tod sie allgemeine

Nachricht ihm geben und warm in ihn dringen,
Sofort mit Vogel nach Wannsee zu eilen,
Und ihnen ein Grab dort auszubedingen.

Der Bote schreitet schnell die wen'gen Meilen,
Und als der Brief prompt an den Freund gerät,
Fährt dieser schleunigst, ohne zu verweilen,
Mit Vogel hin nach Wannsee. Doch zu spät!

"Nur einen Abgrund tief genug zu finden,
Um mit der Freundin sich hinabzustürzen",
War längst in "jauchzendem" Sichüberwinden

Kleists "ganze Sorge". Heiter sich zu kürzen
Die letzten Stunden, suchen sie geschickt
Die Abschiedsbriefe mit Humor zu würzen.

Nachdem sie sich am Mittagmahl erquickt,
Ersteigen sie den kleinen sand'gen Hügel
Dem Wirtshaus gegenüber, und bestrickt

Vom Anblick, wie im See sich das Geflügel
Der Schwäne, Gänse, Enten, froh und frei
Ergötzte, fragen sie sich mit Geklügel,

Ob nun der Bote in Berlin wohl sei?
Die Magd, die den Kaffee hierher gebracht,
Erwidert "ja!" und nimmt auf Wunsch dabei

Auch das Geschirr mit fort. Gleich darauf kracht
Ein Schuß und dann ein zweiter. Arglos geht
Die Magd zum Wirtshaus. Doch der Förster macht

Sich auf die Suche, wer hier schoß, und steht
Bald vor zwei Leichen. Einen Meisterschuß,
Den lebend Kleist vergebens oft erfleht,

Tat er zum erstenmal als Daseinsschluß.
Schneeweiß gekleidet lehnt sich Henriette
Sanft an den Hügel: wie nach letztem Kuß

Kniet Kleist vor ihr. Bald treffen an der Stätte
Der Gatte und der Freund ein. Fromm vollzogen
Wird der Entschlaf'nen Wunsch, daß man sie bette

In eine Gruft. Als sich am Himmelsbogen
Tags drauf die Sonne senkt, ward an dem Ort
Der Tat das Grab geschaufelt und hinfort
Umrauscht vom Wald und von des Wannsees Wogen.


Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1931 im Nachlaß Helmut Sembdner, Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn. Von Helmut Sembdner (?) angehakt von "Der trübe zwanzigste November neigt" bis "Mit Vogel hin nach Wannsee. Doch zu spät". Der Nachlaß wird zur Zeit detailliert erschlossen, eine Inhaltsübersicht erscheint vermutlich schon in der nächsten Ausgabe der "Heilbronner Kleist-Blätter". Die Quelle für dieses Gedicht wird nachgereicht.

Vollständige Wiedergabe, Sperrungen sind kursiv wiedergegeben.
Die dreibändige Goethe-Biographie in Versen, die wir liebend gern studieren würden, ist offenbar ungedruckt. Hinweise auf den Verbleib der Handschrift erbeten an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.