Die Kunstfrau Kunigunde. Eine Figur aus Kleists Schauspiel Das Käthchen von Heilbronn und ihr kulturgeschichtlicher Kontext

Vortrag von Prof. Dr. Rudolf Drux (Universität zu Köln)

Sonntag, 9. April 2006, 11 Uhr, Heilbronn, Schießhaus, Frankfurter Str. 6


Ihre erschreckende Häßlichkeit, die Kunigunde von Thurneck mit allen möglichen Techniken der Kosmetik, Mechanik und Rhetorik zu verbergen sucht, haben schon Kleists Zeitgenossen als anstößig empfunden, ja sie wurde im gesamten 19. Jahrhundert so wenig verstanden, daß die sie beschreibenden Szenen in fast allen Bearbeitungen und Aufführungen des "Ritterschauspiels" gestrichen wurden. Auch die germanistische Forschung hat sich redlich bemüht, sie zu rechtfertigen: So wurde auf Kunigundes gattungspoetisch motivierte Überzeichnung als Gegenspielerin des natürlich-guten Käthchens hingewiesen, sozialgeschichtlich mit ihrem ganz auf Verstellung angelegten höfischen Verhalten argumentiert oder ihre Gestalt als eine Körperinszenierung gedeutet, mit der ein um 1800 längst überholtes Theater der Illusionen verspottet wird.

Bei alledem wurde aber kaum beachtet, daß Kleist mit dem Motiv des prothetisch aufgerüsteten Körpers einen kritischen Beitrag zur Diskussion um den Menschen als Maschinenwesen leistet, die, wie der Vortrag an zahlreichen Text- und Bildbeispielen zeigt, damals hochaktuell war: Reduziert auf reine Materie und den Regeln der Mechanik gehorchend, gelangt der künstliche Mensch über eine seelenlose Existenzform nicht hinaus. Das ließ sich an einer Frau besonders einprägsam darstellen, zumal das neue Weiblichkeitsideal um 1800 auf die selbstlos hegende und im Innern züchtig waltende Hausfrau angelegt war, der das Reichsfräulein Kunigunde offensichtlich nicht entsprach.

Rudolf Drux, Prof. Dr. phil., geb. 1948, promovierte nach einem Studium der Germanistik und Latinistik, das er 1973 mit dem Staatsexamen abschloß, sowie der Vergleichenden Sprach- und Literaturwissenschaft 1976 mit einer Dissertation über die Poetik des Martin Opitz (bei Karl Otto Conrady) und wurde 1984 mit einer Untersuchung über die Marionetten-Metaphorik in Texten der Goethezeit an der Universität zu Köln habilitiert; von 1985-1990 lehrte er dort als Professor auf Zeit Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Nach Lehrstuhlvertretungen in Mannheim, Kiel und Essen und einer Gastprofessur in Sassari (Sardinien) erhielt er den Ruf auf die Professur für deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der TU Darmstadt, wo er 1995/96 zum Dekan des Fachbereichs 2 gewählt wurde und das Graduiertenkolleg ‘Technisierung und Gesellschaft’ mit begründete. 1996 wurde er an die Universität zu Köln auf den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte berufen. Im Frühjahr 1999 hielt er Vorlesungen an der Universität Wroclaw (Polen) und im Fall-Semester 2000 nahm er eine Gastprofessur an der University of Wisconsin in Madison (USA) wahr, im Studienjahr 2002/03 die Geschäftsführung des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur der Universität Köln. Mehrere Mitgliedschaften in nationalen und internationalen Fachverbänden und Gesellschaften.
Sein in zahlreichen Publikationen dokumentiertes Forschungsinteresse gilt der Geschichte der deutschen Dichtung vom Frühbarock bis zum Vormärz (1618-1848) sowie der experimentellen Literatur des 20. Jahrhunderts. Außerdem hat er sich Wechselbeziehungen zwischen Kultur- und Technikgeschichte gewidmet, die er an Phänomenen des Energie- und Verkehrswesens, vor allem aber an literarischen Vorstellungen vom künstlichen Menschen, ihren technischen Vorgaben und sozialen Diskursen verfolgt. Aus diesem Gegenstandsbereich ging ein interdisziplinäres Forschungsprojekt hervor, das sich in etlichen Veröffentlichungen (z. B. der Anthologie Menschen aus Menschenhand. Texte zur Geschichte der Androiden, 1988, und den Sammelbänden Die Geschöpfe des Prometheus, 1994, und Der Frankenstein-Komplex, 1999) niederschlug, sowie seit 1998 die Kooperation mit dem Deutschen Museum Bonn (u. a. eine Veranstaltungsreihe über „Körpergrenzen“); zur Zeit wird ein gemeinsames Projekt über “Technikkatastophen" entwickelt. Weitere Forschungsvorhaben beziehen sich auf die Selbstreflexion der Künste im Kontext der Moderne und Schlesien als Kulturlandschaft der Frühen Neuzeit im Spiegel der Kasualpoesie.