Kathi von Hollabrunn oder Was die Wiener Theaterparodie aus den Klassikern macht

Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Hein (Universität Münster)

Sonntag, 12. März 2006, 11 Uhr, Heilbronn, Schießhaus, Frankfurter Str. 6


Statt des Engels, der das Käthchen aus den Flammen rettet, flattert ein "Rauchfangkehrer" mit weißem Gefieder hernieder und "salviert" (rettet) die Kathi. "Recht komisch und voll Kraft wahrer Parodie" die Szene unter dem Holunderbusch: Kathi legt sich "mit Vorbedacht in eine reizende Stellung" und der Ritter spricht mit ihr bald wie mit einer Träumenden, bald wie mit einer Kokotte, die sich schlafend stellt. Nur der Schluß sei schwach, die "gewöhnliche Schwachheit der Localdichter" – so das Urteil eines Theaterbesuchers über Karl Meisls "Käthchen"-Parodie "Die Kathi von Hollabrunn", die am 14. März 1831 in Wien uraufgeführt wurde und die ein Dutzend Aufführungen erlebt hat.

Parodien machen nur dann einen Sinn, wenn das parodierte Werk im allgemeinen Bewußtsein verankert ist. Insofern darf man die "Kathi" als Beleg für den Siegeszug von Kleists "großem historischem Ritterdrama" auf den deutschsprachigen Bühnen ansehen, das allerdings erst durch das "Regietheater" eines Franz von Holbein "bühnentauglich" gemacht worden war - von einem "Henkersknecht am Werk Kleists" sprachen die Holbein-Kritiker.

Prof. Dr. Jürgen Hein (Universität Münster), geb. 1942 in Köln, Studium der Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Theaterwissenschaft; Promotion 1968, Habilitation 1972. Assistenten- und Dozententätigkeit in Köln, seit 1973 Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik. 1999 bis 2006 Dekan des Fachbereichs Philologie in der Philosophischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Buchveröffentlichungen zu Raimund, Nestroy und dem Wiener Volkstheater, zu den Gattungen Dorfgeschichte und Volksstück; Anthologien (Deutsche Anekdoten; Parodien des Wiener Volkstheaters; Nestroy zum Vergnügen; Wienerlieder), Aufsätze zu Alexis, Auerbach, Grabbe, Grillparzer, Hebbel, Holtei, Horváth, Koeppen, Karl May, Nestroy, Raimund, Fritz Reuter, Rosegger, Stifter, Zuckmayer u.a.; Beiträge zur österreichischen Literatur, zu Aspekten von Dialektliteratur und literarischem Regionalismus, zu Editionsfragen sowie zu literaturdidaktischen Problemen. - Mitherausgeber und Bandbearbeiter (11 Bände mit 15 Stücken) der neuen historisch-kritischen Nestroy-Ausgabe (HKA Nestroy, 1977-2004). - Mitherausgeber und Bandbearbeiter der geplanten neuen historisch-kritischen Raimund-Ausgabe (HKA Raimund). - Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. - Vizepräsident der Internationalen Nestroy-Gesellschaft (Wien). – Seit 1985 verantwortlicher Programmgestalter der Internationalen Nestroy-Gespräche in Schwechat bei Wien.