5. November 2000

Vortrag Prof. Dr. Dirk Grathoff (Universität Oldenburg)

Das echte und das falsche »Käthchen von Heilbronn«


Endlich einmal ein Bericht über eine unserer Veranstaltungen: rechts der Originaltext eines zufällig anwesenden Besuchers, den es nach eigenem Bekunden seit längerem ärgert, daß die Veranstaltungen des Kleist-Archivs Sembdner in der örtlichen Presse nicht besprochen werden, und der sich deshalb ungefragt zu einem Bericht aufgerafft hat, links sein Text nach erfolgreicher redaktioneller Bearbeitung:

00 Vortrag des Kleist-Archivs Sembdner in der Galerie Rieker  
00 Kleist und Käthchen  
     
01 Zur Matinée "Das echte und das fal- Zur Matinée mit dem Thema "Das echte und das fal-
02 sche Käthchen von Heilbronn" be- sche Käthchen von Heilbronn" konn-
03 grüßte Direktor Günther Emig 90 te Direktor Günther Emig am verflossenen Sonntag rund 90
04 Gäste des Kleist-Archivs Sembdner Gäste des Kleist-Archivs Sembdner
05 in der Galerie Rieker. Die Hörer hat- in der Galerie Rieker unter der Friedrich-Ebert-Brücke begrüßen. Die Hörerinnen und Hörer hat-
06 ten wurden von Professor Dirk ten ein besonderes Kulturereignis gegen einen sonnigen Vormittag getauscht und wurden von Prof. Dr. Dirk
07 Grathoff, Universität Oldenburg, Grathoff, Universität Oldenburg,
07 zu neuen Ausblicken auf das Schau- zu neuen Ausblicken auf das Schau-
08 spiel geführt, das Heilbronn zum spiel geführt, das Heilbronn - so der Vortragende - zum
09 Schauplatz eines Werkes der Weltli- Schauplatz eines Werkes der Weltli-
10 teratur erwählt hat. teratur erwählt hat.
     
11 Antworten auf die Frage echt Antworten auf die Frage echt
12 oder unecht beziehen sich auf das, oder unecht beziehen sich auf das,
13 was Regisseure und Intendanten was Bearbeiter, Regisseure und Intendanten
14 von der Kleist'schen Fassung des von der Kleist'schen Fassung des
15 Stückes nicht auf ihre Bühne ge- Stückes aus welchen Gründen auch immer nicht auf ihre jeweilige Bühne ge-
16 bracht haben. Überdies seien die bracht haben. Überdies seien die
17 Motive der Entstehung zu beach- Motive der Entstehung zu beach-
18 ten. Kleist habe Goethe und dessen ten. Kleist habe Goethe und dessen
19 Kritik. Der Dichterfürst habe ihm, Kritik an den vorveröffentlichten Stücken entgegentreten wollen. Der Dichterfürst habe ihm
20 Kleist habe Hörspiele, keine Schau- nach heutiger Ausdrucksweise vorgeworfen, Kleist habe Hörspiele, keine Schau-
21 spiele verfasst. Goethes Protegé spiele verfaßt. Statt in sinnenhafter Handlung seien ihre Inhalte in künstlicher Sprache ausgedrückt. Goethes Protegé
22 Schiller und dessen Jungfrau von Schiller und dessen Jungfrau von
23 Orleans habe Kleist eine literarische Orleans habe Kleist eine literarische
24 Erwiderung zugedacht gehabt. Im Erwiderung zugedacht gehabt. Im
25 Unterschied zur hehren Heldin Jo- Unterschied zur hehren Heldin Jo-
26 hanna folgt das schöne Mädchen hanna, die ihr Vaterland rettet und danach durch Verrat auf dem Scheiterhaufen des Feindes endet, folgt das schöne Mädchen
27 aus bürgerlichem Haus dem Ruf der aus vermeintlich bürgerlichem Haus allein dem Ruf der
28 Liebe, findet den Beweis kaiserli- Liebe, findet den Beweis kaiserli-
29 cher Abstammung und vermählt cher Abstammung und vermählt
30 sich mit dem Mann, dem sie nach sich mit dem Mann, dem sie nach
31 der ersten Begegnung beharrlich der ersten Begegnung beharrlich
32 folgt, wobei sie sämtliche gesell- folgt, wobei sie sämtliche gesell-
33 schaftliche Normen Übertritt [sic] und schaftliche Normen übertritt und
34 eine adlige Konkurrentin üblen eine adlige, allein durch Kosmetik und Korsage schön erscheinende Konkurrentin von üblem
35 Charakters aussticht - Kunigunde. Charakter aussticht - Kunigunde.
     
36 Dass Kleist gerade ein Ritter- Daß Kleist gerade ein Ritter-
37 schauspiel gewählt hat, führt Grat- schauspiel als Form gewählt hat, führt Professor Grat-
38 hoff auf Kleists Reise nach Würz- hoff auf Kleists Reise nach Würz-
39 burg im Jahr 1800 zurück. Im Stück burg im Jahr 1800 zurück. Dort habe dieser Literaturrecherchen betrieben und dabei eine Bibliothek angetroffen, die voller Rittergeschichten und bar jeglicher Klassiker wie Wieland, Goethe oder Schiller gewesen sei. Über den eigentlichen Zweck dieser Würzburgreise streitet die Wissenschaft. Von drei angebotenen Versionen - Industriespionage um die Synthese des Farbstoffes grün, Sexualoperation und Besuch bei Freimaurer-Logenmitgliedern, um diese anzupumpen - gab der Dozent der letzteren die größere Wahrscheinlichkeit. Im Stück
40 selbst finden sich Freimaurersym- selbst finden sich Freimaurersym-
41 bole. Von der Zahl der Aufführun- bole wie etwa der steinerne Bogen, aus dem Käthchen nach der Feuerprobe mit dem Beweisstück ihrer Abstammung tritt. Kleist sei über diese Bekanntschaft mit Mozart mit der Freimaurersymbolik vertraut gewesen. Von der Zahl der Aufführun-
42 gen her sei das Käthchen von Heil- gen her sei das Käthchen von Heil-
43 bronn das erfolgreichste kleistsche bronn das bei weitem erfolgreichste kleistsche
44 Stück. Allein im 19. Jahrhundert sei Theaterstück. Allein im 19. Jahrhundert sei
45 es auf verschiedenen Bühnen mehr es auf verschiedenen Bühnen mehr
46 als 1200-mal gegeben worden. Die als 1200mal gegeben worden. Die Uraufführung habe am 17. März 1810 auf dem Theater an der Wien stattgefunden. Belege dafür, daß Kleist selbst je eine Aufführung gesehen habe, lägen nicht vor. Auf die große Popularität des Stückes weisen auch sechs verschiedene Papiertheaterversionen hin, Spiele auf dem Tisch mit Papierfiguren und -kulissen. In Heilbronn selbst sei Ende des 19. Jahrhunderts eine Opernversion aufgeführt worden. Als Schauspiel war es erstmals1 1929 und bisher zuletzt 1977 gespielt worden. 1979 habe Jürgen Flimm das Stück mit Katharina Thalbach erfolgreich auf die Bühne gebracht. Die
47 nächste Heilbronner Aufführung nächste Heilbronner Aufführung
48 stehe am 29. Juni 20002 [sic] im Logen- stehe am 29. Juni 2001 im Logen-
49 theater auf dem Spielplan. theater auf dem Spielplan, worauf die Hörerinnen und Hörer sicherlich mit Interesse warten.

1Hier müßte es heißen: Die erste nachgewiesene Käthchen-Aufführung. - Der Zufall wollte es, daß uns wenige Tage nach dem Vortrag Frau Dipl.-Bibl. Annette Geisler (Stadtarchiv Heilbronn) mit einem "Gelegenheitsfund" bekannt machte. Danach hat es ausweislich einer Zeitungsanzeige 1845 eine Käthchen-Aufführung in Heilbronn gegeben. Wir halten noch frühere Aufführungen für durchaus denkbar. - Mehr dazu in einer der nächsten Ausgaben der "Heilbronner Kleist-Blätter".
2Blick zurück in die Zukunft. Nein, es bleibt bei 2001. Definitiv.