Wie alles anfing

Es gibt keine größere Gemeinheit gegen einen toten Dichter als ihn zu feiern, aber nicht ernstzunehmen, hat mal Fritz J. Raddatz in bezug auf Erich Mühsam geschrieben.
Feiert man HvK, den Dichter des KvH, heute noch? Nimmt man ihn ernst? Und wie müßte das aussehen?
Wir sagen: Laßt die Toten ihre Toten begraben. Wir nehmen die 225 Jahre zum Anlaß, kaleidoskopartig - und da erinnern wir uns, daß die Bilder sich durch Schütteln verändern-, kleistisch eingeflaggt, ein Ereignis zu inszenieren.
Wie das genau aussehen soll, können Sie in diesen Tagebuchseiten verfolgen. Denn wie sich die Gedanken allmählich verfertigen beim Reden (wie man gerüchteweise gehört hat), haben wir (Stand: 24. Mai 2002) manchen Gehirnsturm hinter uns und finden es schade, daß dieser kreative Prozeß so einfach untergehen soll.
Verfolgen Sie, was uns umtreibt. Und schreiben Sie uns, wenn Ihnen danach zumute ist.
In diesem Sinne also:


Sachstand 24. Mai 2002

Am Anfang war ein Ankauf. Ein Ankauf von 50 Blättern zu Kleists "Hermannssschlacht", die die Künstlerin Karla Woisnitza 1979 in der DDR geschaffen, und die uns dankenswerterweise die Kreissparkassenstiftung Heilbronn als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat.
Wer uns kennt, weiß, daß wir nicht horten, sondern gern zeigen, was wir zu bieten haben (engl. exhibition). Klar also, daß wir in Richtung Ausstellung mit Katalog gedacht haben.
Und weil so etwas mit Aufwand verbunden ist, denkt man weiter: an eine Wanderausstellung, an Einführendes (zur Künstlerin, zum Kleistschen Werk, zum zeitgeschichtlichen Hintergrund des Werks, zur historischen Zeit des Schauspiels usw.)
Muß man heutzutage in eine Ausstellung nicht Dreidimensionales einbinden? Einen Germanen mit Rauschebart, Fellweste und Langschwert? Und schlägt der/das nicht die Kunst tot? Ist das noch Kunstausstellung?
Wenn schon die Verbindung Kunst (Woisnitza) und Werk (Kleist) da ist und es sich bei der "Hermannsschlacht" um ein Theaterstück handelt, wie kann man die Theatergeschichte einbinden?
Die Meininger, die im 19. Jahrhundert Theatergeschichte geschrieben und drei Kleist-Inszenierungen auf die Bühne gebracht haben, sollte man die nicht mit dokumentieren? Hat denn der Theater-Herzog (Georg II.) nicht ebenfalls Szenenbilder entworfen für seine Inszenierung?
Und wenn wir uns schon in der Theatergeschichte tummeln und wenn wir schon keine aktuelle Inszenierung zeigen können, vielleicht eine theatergeschichtlich bedeutsame als Konserve? Claus Peymanns Bochumer Inszenierung von 1982?
Und wo das alles inszenieren? Tatsächlich im Hagenbucher, dem alten Lagerhaus am Neckar, bei dem die Stadt händeringend nach einer vernünftigen konzeptionellen Verwertungsmöglichkeit sucht, ein Kasten, so wie ich mir als Kind immer die Bastille vorgestellt habe, im Innern allen Klischees von Fabrik- und Lagerhalle en miniature entsprechend?
Und wenn die Infrastruktur so ist, wie sie sich darstellt: keine Stühle, keine Vitrinen, eher kleinformatige Bilder an den Wänden, die sich in der Weite verlieren; wenn man fürchten muß, daß kein Schwein kommt und kuckt, sollte man da nicht etwas mit Veranstaltungen...?
Also Lesung aller acht Erzählungen Kleists. Und Gescheites dazu: ein Vortrag zu Kleists "Herrmannsschlacht" (wer käme da sonst infrage als Roland Reuß, Mitherausgeber der BKA, die zuletzt just dieses Werk hat erscheinen lassen), ein Vortrag zum Thema "Hermannsschlacht in der Literatur - von Klopstock bis Grabbe", ein Vortrag zum geschichtlichen Hintergrund: die Napoleonischen Kriege, die Befreiungskriege; und dann das, womit man uns in der Schule gebildet hat ("Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum incolunt...")?
Wo bleibt da - zurück zum Anfang - die Künstlerin Karla Woisnitza? Sie einladen zum Thema "Die Künstlerin im Gespräch"?
O Freunde, wie uns das Hirn raucht!


5. Juni 2002

Eben fällt uns ein Zettel aus dem gleichnamigen Kasten: "Behutsames Schweigen ist das Heiligtum der Klugheit. Das ausgesprochene Vorhaben wurde nie hochgeschätzt; es liegt dem Tadel bloß; nimmt es gar einen unglücklichen Ausgang, so wird man doppelt unglücklich sein. Ahme daher das göttliche Walten nach: erhalte die Leute in Vermutungen und Unruhe. (Baltasar Gracian y Morales, 1601-1658, spanischer Schriftsteller und Jesuitenprediger. Zit nach: Welt am Sonntag, 23. 1. 2000)
Worüber spricht man, was steht fest?
Erstens: die beiden Ausstellungsteile, sprich: Die Hermannsschlacht von Karla Woisnitza und die Blätter zu den Inszenierungen der Meininger (Staatliche Museen Meiningen).
Zwotens: die Lesung sämtlicher Kleist-Erzählungen an insgesamt acht Terminen (Cornelia Bielefeldt)
Numero 3: ein Vortrag von Horst Häker am 5. Oktober in Massenbach über Christian von Massenbach und Kleist
die Vier: ein Vortrag von Prof. Dr. Winfried Woesler über die Hermannsschlachten von Kleist und Grabbe im Vergleich
Ich denke, man sollte hier ein Programmgerüst in den nächsten Tagen einstellen, das sukzessive ergänzt wird.


28. Juni 2002

Eins kommt zum anderen, die Planung rundet sich. Heute haben wir die Deutsch-, Geschichts- und Lateinlehrer der Heilbronner Gymnasien angeschrieben und zur Mitarbeit eingeladen.
Es gibt inzwischen feste Absprachen, die Verträge sind im Unterschriftsstadium, so daß wir es wagen, ein paar weitere Schleier zu lüften.