Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn
Veranstaltungen
2009

... und nur die Liebe macht das Leben süß

Käthchen und Penthesilea aus paartherapeutischer Sicht

Vortrag von Dr. Wolfgang Schmidbauer (München)

14. Juni 2009, 11 Uhr, Heilbronn, Schießhaus (Frankfurter Str. 6)


Kleist hat scharfsinnig das Wesen der neuen, nicht mehr vom Standeskorsett geordneten Liebesbeziehung erkannt: Es geht nicht darum, den Egoismus des Partners durch geschickte Gesten vorwegzunehmen und ihn dadurch gewissermaßen aus der Welt zu schaffen, ihn auszulöschen. Es geht vielmehr darum, den Eigennutz wahrzunehmen und die Kränkung der eigenen Liebeserwartungen zu ertragen. Das gelingt Käthchen ebenso eindrucksvoll, wie Penthesilea daran scheitert – ein durchaus neuer Gedanke, dessen Brisanz freilich Kleist in seiner frühesten Äußerung in den Brautbriefen nicht weiter verfolgt. Als sei er von seinem eigenen Gedanken erschrocken, mildert er ihn wieder, sucht den tragischen Widerspruch moralisierend aufzuheben. Erst in seinen großen Liebesdramen entwickelt er ihn weiter.

Kleist gelingt es schon in den Briefen an Wilhelmine von Zenge, seine Ängste vor realem Kontakt und die in ihnen wurzelnde Sehnsucht nach idealer Verschmelzung zu kleinen Alltags-Tragödien individualisierter Liebesbeziehungen zu formen. Den immer wieder spürbaren, bald als Erhebung, bald als Last empfundenen Adelsstolz verwandelt er in etwas wie Seelenadel, ein Manöver, mit dem die preußische Standesgesellschaft noch lange erfolgreich zu operieren wußte, »… denn das Gemeine kann man nur brauchen, nur das Edlere kann man lieben, und nur die Liebe macht das Leben süß«. (an Wilhelmine von Zenge, 11. Januar 1801)

Kleists Brautbriefe wirken gelegentlich lieblos, selbst grausam, unterwerfen sie doch die Liebste harten Prüfungen. Sie sind in der Literaturgeschichte auch öfters sehr abschätzig beurteilt worden. Mich verblüfft, wie sich die sonst so anspruchsvollen Autoren in ihrer Liebesvorstellung doch eher an trivialen Modellen orientieren, in denen nicht die Liebenden einander zum ärgsten Problem werden, sondern allenfalls Verwandte oder Nebenbuhler.

Wer sich an die psychoanalytische Behandlung von Paaren wagt, wie es der Autor naseweis im Schwung der 68er versucht und bis heute fortgesetzt hat, der bemerkt bald, daß Kleists Geste äußerst realistisch ist. Die ärgsten Feinde einer Liebe sind in der Regel die Liebenden selber. Und während Käthchen anfangs von dem Ritter mißhandelt wird und dieser erst später die eigene Liebe bemerkt, ist es in Penthesilea umgekehrt: die Tragödie beginnt im Liebeszauber und endet im mörderischen Haß. In beiden Fällen haben die Männer nur wenig Ahnung davon, was sich in der weiblichen Psyche abspielt, wiederum eine Erfahrung, die in der Paartherapie alltäglich geblieben ist. (Wolfgang Schmidbauer)

Dr. phil. Wolfgang Schmidbauer, geboren 1941, studierte Psychologie, promovierte 1968 über "Mythos und Psychologie" . Er lebte dann einige Jahre als Autor in Italien. 1972 gründete er mit Kollegen ein Institut für analytische Gruppendynamik und Familientherapie, wenig später die Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse. 1977 prägte er in dem Bestseller "Die hilflosen Helfer" den Begriff des Helfer-Syndroms. Heute arbeitet Wolfgang Schmidbauer als Autor und Psychoanalytiker in eigener Praxis in München. Er hat über 30 Bücher veröffentlicht, darunter einige Romane und Erzählungen. Seit einem Jahr schreibt er wöchentlich im ZEIT-Magazin über die "Fragen der Liebe".