Michael Kohlhaas - der Rebell. Film von Volker Schlöndorff

Reaktionen einer 12. Klasse der Kaufmännischen Schule Öhringen

© 1998-2007 Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn

Kleists "Michael Kohlhaas" ist seit diesem Schuljahr [2007] Pflichtthema für das Abitur in Baden-Württemberg. Kein Wunder, daß wir ständig nach Filmmitschnitten zu Unterrichtszwecken gefragt werden, denn kaufen kann man den Film nicht, und es ist uns auch nicht bekannt, daß er in jüngster Zeit im Fernsehen ausgestrahlt worden wäre. Das restriktive Urheberrecht erlaubt es uns aber nicht, Kopien unseres eigenen Mitschnitts in Umlauf zu setzen. Das schließt nicht aus, daß wir ihn in der Vorbereitung zu Diskussionen im engsten Kreis zeigen. So auch geschehen bei einem Besuch des Beruflichen Gymnasiums Öhringen (Klassenlehrerin: Frau Vohl). Ob der Film überzeugt habe? Hier die Antworten der Schülerinnen und Schüler:


Sehr geehrter Herr Emig,

anbei einige Ausschnitte aus der gesammelten Kritik der WG 12/1 der Kaufmännischen Schule an Schlöndorffs Kohlhaas-Film:

Die Missstände am sächsischen Hof werden im Film nicht deutlich. Die Vetternwirtschaft z.B., die dort betrieben wird, kommt überhaupt nicht zur Sprache. Im Film erscheint nur der Junker Wenzel von Tronka, die ganze übrige Sippschaft spielt keine Rolle, weder der Junker Hans von Tronka, den Kohlhaas ja laut Kleist "bei der Brust fasste, und in den Winkel des Saals schleuderte, dass er sein Hirn an den Steinen versprützte", noch Hinz und Kunz von Tronka noch Graf Kallheim. (Stattdessen erscheint ein Neffe Tronkas, ein Laute spielender Träumer, der sich auf die Seite von Kohlhaas schlägt.) Wenn aber die Intrigen der Tronka-Sippschaft nicht verdeutlicht werden, wenn z.B. nicht klar wird, dass Kohlhaas aufgrund der Machenschaften dieser Personen gar keine Chance hat, Gerechtigkeit zu erlangen, so bleibt ein wesentlicher Aspekt der Kritik Kleists an der Ungerechtigkeit der Fürstenherrschaft auf der Strecke, und Kohlhaas' Aktionen wirken eher willkürlich, ohne die starke Motivation, die daher rührt, dass er glaubt, dass ihm "der Schutz der Gesetze versagt" und er "aus der Gemeinschaft des Staats ... verstoßen" worden sei. Es wird im Film nicht deutlich, dass es Kohlhaas ums Prinzip geht. In der Novelle heißt es: "... er hätte gleichen Schmerz empfunden, wenn es ein Paar Hunde gegolten hätte". Wenn man den Film sieht, ohne das Buch zu kennen, könnte man denken, Kohlhaas räche ausschließlich die Behandlung der Rappen auf der Tronkenburg.

Der brandenburgische Hof, der ja in der Novelle einen Kontrast zum sächsischen Hof bildet, wird im Film überhaupt nicht erwähnt. Dies ist eine schwerwiegende Änderung, da das Eingreifen des brandenburgischen Kurfürsten ja entscheidend für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit ist.

Die gesamte Kapselhandlung fehlt im Film. In der Novelle spielen die Zigeunerin und das Amulett, das sie Kohlhaas schenkt, damit er sein Leben retten könne, eine wichtige Rolle. Durch das Amulett bekommt Kohlhaas die Möglichkeit, sich am sächsischen Kurfürsten, der ihm die Amnestie versprochen und gebrochen hat, zu rächen, und es ist eine wichtige Facette der Persönlichkeit des Kohlhaas, dass er diese Rache durchführt, statt sich zu retten, außerdem ist es ein weiterer Gerechtigkeitsaspekt: Kohlhaas stirbt für seine Missetaten, aber der Kurfürst leidet ebenfalls jämmerlich.

Die Überhöhung ins Übersinnliche wird im Film nicht berücksichtigt, obwohl sie für Kleist nicht untypisch ist und der gesamten Handlung eine spezielle magische Färbung verleiht.

In der Filmfassung hat sich Kohlhaas - für jeden Leser der Novelle ein Schock - schon mit seiner Niederlage abgefunden (die ja ohnehin im Film als nicht sonderlich schwerwiegend erscheint) und verbietet Lisbeth, einen weiteren Versuch in Dresden zu machen. Lisbeth geht ohne Wissen ihres Mannes an den sächsischen Hof und wird dort schwer verletzt (sie wird von Pferden niedergetrampelt, statt von den Lanzen der Wache niedergestoßen, was die Möglichkeit bietet, eine schön brutale Szene einzubauen). Im Buch weist Lisbeth Kohlhaas auf dem Sterbebett auf eine Bibelstelle hin, die ihn dazu bewegen soll, den Tronkas zu verzeihen. Im Film fehlt diese Szene. Auch das anschließende Begräbnis hat mit der fürstlichen Bestattung Lisbeths bei Kleist nichts gemeinsam.

Kohlhaas' Beliebtheit beim Volk und die Achtung, die er bei ehrenhaften Leuten genießt, wird nicht deutlich (seine Söhne werden vom brandenburgischen Kurfürsten zu Rittern geschlagen).

Es gibt über den ganzen Film verteilt etliche Szenen, in denen in Relation zur Novelle zu viel Gewalt bzw. Gewaltbereitschaft gezeigt wird. Diese Szenen überdecken wichtigere Details, die im Original zu finden sind. Des Weiteren häufen sich Perversionen, die im sexuellen Bereich angesiedelt sind - in der Novelle wird "Notzucht" nur im Zusammenhang mit Nagelschmidt, der von Kohlhaas wegen dieses und anderer Delikte eigentlich aufgehängt werden sollte, erwähnt; im Film wird dieser Aspekt unnötig breitgetreten (Beispiele: Vergewaltigung der Erlabrunner Nonnen und der angeketteten Ehebrecherin in Wittenberg). Schlöndorff will wohl darstellen, dass Kohlhaas' Selbstjustizaktionen in unmotivierte Gewalttaten ausarten; er macht zwar immer deutlich, dass Kohlhaas selbst mit diesen Auswüchsen nichts im Sinn hat (ein besonders widerlicher Vergewaltiger wird im Film gehängt), aber es fragt sich, ob man nicht die Akzente in unzulässiger Weise verschiebt, wenn man der Darstellung der Gewalt soviel Raum gibt. In diesem Zusammenhang ist auch das Ende des Kohlhaas zu erwähnen. In der Novelle wird Kohlhaas "mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht", während er im Film in einer langen Sequenz gestreckt und dann gerädert wird.

Die Figur Luthers ist längst nicht so wichtig wie in der Novelle. Es fehlt das Plakat, das Luther anschlagen lässt, genauso wie die Erschütterung Kohlhaas' angesichts der Vorwürfe Luthers. Zunächst weiß man auch nicht, wer die Ratgeber-Person sein soll, erst als Kohlhaas beichten will, wird klar, dass es Luther ist. Das eindrucksvolle Gespräch zwischen Luther und Kohlhaas in Wittenberg, in dem die rechtsphilosophische Basis der Argumentation des Rosshändlers deutlich wird, wird ersetzt durch eine kurze Unterhaltung, die vor der von Kohlhaas besetzten Burg stattfindet. Luther fungiert zwar immer noch als unparteiische Autorität, bewegt sich aber ständig am sächsischen Hof unter den Ratgebern des sächsischen Kurfürsten, was seine Integrität etwas schmälert.

Wenzel von Tronkas Niedergang und Jämmerlichkeit werden nicht verdeutlicht, ebensowenig wie die Abhängigkeit des schwachen sächsischen Kurfürsten von der Tronka-Sippschaft.

Der Anfang der Kohlhaas-Handlung wird im Film recht gut wiedergegeben, als Kohlhaas mit seinen Pferden durchs Land zieht und an den Schlagbaum kommt.

Der Film zeigt auch deutlich, dass Kohlhaas seine Truppe bald nicht mehr im Griff hat und viele Konzessionen machen muss, als die Gewalt überhand nimmt und die oben beschriebenen Perversionen passieren.