Liebe Freunde des Kleist-Archivs Sembdner,

willkommen in der "Galerie FluchTweg" zur Ausstellung der Illustrationen von Edgar Oser zu Georg Büchners "Lenz".

Wir sind ursprünglich von vier Veranstaltungsbesuchern ausgegangen, die wir hintereinander setzen wollten wie in Schorsch Hackls Vierer-Erfolgs-Bob im Eiskanal, konnten aber nicht ausschließen, daß noch drei weitere dazukommen.

Spontan wie wir sind, haben wir ein Szenario für diesen Eventualfall ausprobiert. Wir machen also gleich das, was das Nachkriegstheater auch schon getan hat: Wir verlagern den szenischen Aufbau vor den Vorhang und beziehen Sie als Publikum aktiv mit ein.

Wir brauchen als nächstes Stühle, damit Sie sitzen können. Sieben Stühle haben wir zur Orientierung an der Wand lang placiert; daran orientieren wir uns. Jeweils drei werden, von vorn beginnend, seitlich angeschlossen. Was dann am Rand bleibt, ist zwar kein feuerpolizeilich zulässiger Fluchtweg mehr, aber ausreichend, um einen disziplinierten Rückzug anzutreten. Sobald eine Reihe Stühle steht, bitte gleich Platz nehmen, damit wir die Übersicht behalten. Und keine Angst: Wir spielen nicht die Reise nach Jerusalem, jeder kriegt seinen Sitzplatz.

Kultur ist das Gegenteil von Ritual und Erstarrung. Sie hat etwas mit Individuen, mit Situationen, mit Begegnungen, ja letztlich mit Mythos zu tun. Wer jemals die Enge in Wendelin Niedlichs Bücherladen in Stuttgart erlebt hat, in dem man sich nur seitwärts bewegen konnte, weiß was ich meine. Die "Galerie FluchTweg" verdankt sich - das wissen Sie aus der Einladung - feuerpolizeilichen Vorschriften und aus der Lust, etwas zu bewegen und andere daran teilhaben zu lassen. Wir lassen uns nicht festlegen, wir lassen uns nicht berechnen. Wenn es uns überkommt, machen wir was. Und wenn wir keine Lust haben, lassen wir's bleiben.

Edgar Osers Illustrationen, die wir schon früher und unter anderen Umständen ausstellen wollten, sie haben uns Lust gemacht. Das Werk des genialischen Stürmers und Drängers Jakob Michael Reinhold Lenz hat Nachwirkungen bis zu Brecht und Bernd Alois Zimmermann, die posthum erschienene Novelle von Georg Büchner über den Goethe-Zeitgenossen, der mit 24 an Typhus starb - Kleist wurde übrigens zehn Jahre älter und starb an Blei -, diese Novelle hat - ähnlich wie Goethes Werther, noch in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bei Peter Schneider eine Adaption erfahren. Vielleicht haben Sie damals auch das Kultbuch gelesen.

Für Edgar Oser war sie Anlaß zu zehn Illustrationen, die natürlich zum Text gehören, der deshalb folgerichtig von Edgar Oser gelesen wird. - Zum Nach-Lesen zu Hause haben wir übrigens eine Schwabenausgabe des "Lenz" produziert. Schwabenausgabe heißt: Umsonst ("kost't nix"), aber hoffentlich nicht vergebens.

Soviel zur Einleitung. - Bitte jetzt: Edgar Oser hat das Wort.


... welches aber nicht überliefert. Stattdessen die Fotos (Dank an Hans Maier und vor allem an Leonore Welzin)