11. Oktober 1994

Charles Wirths liest aus Heinrich von Kleists „Berliner Abendblättern"

Programmfolge
(Zusammenstellung: Helmut Sembdner)

Gebet des Zoroaster

Betrachtungen über den Weltlauf

Anekdote (Diogenes)

Anekdote der neuere (glücklichere) Werther

Der Griffel Gottes

Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege

Franzosen-Billigkeit

Brief eines Malers an seinen Sohn

Korrespondenz-Nachricht

Anekdote (Baxer)

Anekdote (Ein mecklenburgischer Landmann)

Brief eines jungen Dichters an einen jungen Maler

Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken

Zuschrift eines Predigers an den Herausgeber der Berliner Abendblätter

Anekdote aus dem letzten Kriege

Über das Marionettentheater


In der Geschichte des Zeitungswesens sind Kleists „Berliner Abendblätter" eine durchaus originelle Erscheinung. In großer Auflage auf schlechtem Papier billig gedruckt und zu niedrigstem Preis ausgegeben – das erste Blatt wurde sogar gratis verteilt – waren sie ihrem Format nach eher ein Flugzettel als eine Tageszeitung zu nennen. Während die beiden großen Berliner Zeitungen, die „Voß" und die „Spener", nur dreimal wöchentlich erschienen, kamen die Abendblätter als erste Berliner Zeitung (wenn man von dem nur Anzeigen bringenden „Berliner Intelligenz-Blatt" absieht) täglich, unter Ausschluß des Sonntags, heraus. Ihr Hauptreiz lag in den Lokalberichten, die man in dieser Form noch nicht kannte. Der Polizeipräsident selbst lieferte aus persönlicher Freundschaft die täglichen Rapporte mit ihren anfangs so erregenden Meldungen von der Mordbrennerbande, die Berlin in Atem hielt; Kleist seinerseits schrieb Reportagen über Unglücksfälle, Luftschiffahrten und sonstige Aktualitäten; in den Theaterartikeln wurde der Bühnenpapst Iffland in witziger Form aufs Korn genommen; lächerliche Briefe und drastische Anekdoten bildeten einen ergötzlichen Leseanreiz. Für ein paar Wochen wurde Kleists Blatt, für das sich selbst der König interessierte, zum Tagesgespräch von Berlin; das Volk stürmte die Ausgabestelle, so daß Polizei nötig wurde.

(Aus Helmut Sembdners Nachwort zur Reprint-Ausgabe der „Berliner Abendblätter")