Helmut Sembdner, Zu Heinrich von Kleists Nachruhm

Neue Aspekte seiner Biographie
Ansprache bei der Präsentation am 27. September 1996 in Heilbronn

(Ursprünglich erschienen in: Heilbronner Kleist-Blätter 2. 1997. S. 9-16)


Es war im Kleist-Jahr 1977, dem Jahr der zweihundertsten Wiederkehr seines Geburtstages, als mich der unvergeßliche Heilbronner Büchereidirektor Hans Ulrich Eberle in Stuttgart besuchte und um Mithilfe bei der von ihm geplanten Jubiläums-Ausstellung bat. Er verabredete auch schon den Festvortrag mit mir, der natürlich dem Thema „Heinrich von Kleist und sein Käthchen von Heilbronn“ gewidmet sein sollte. In diesem Vortrag stellte ich unter anderm die anonyme Volksballade von dem „schön Töchterlein“ des Schmieds zu Heilbronn vor, das sich beim Fortreiten des Ritters von der Zinne zu Tode stürzt. Kleist soll ein auf dem Jahrmarkt gekauftes Flugblatt mit einer solchen Ballade besessen haben, womit die Zugehörigkeit der Käthchen-Sage zur Stadt Heilbronn eindeutig dokumentiert wäre.1 Vier Jahre später kam ich mit einer anderen, das Käthchen betreffenden Neuigkeit nach Heilbronn, nämlich mit dem Detmolder Soufflierbuch von 1842, das sich heute im Kleist-Archiv zu Heilbronn befindet. Dieses handschriftliche Soufflierbuch enthält, wie ich in meinem Vortrag ausführte, Reste der verloren gegangenen ersten Fassung von Kleists Schauspiel.2 Herr Eberle war an meinen Forschungen lebhaft interessiert und suchte auch gern ihre Drucklegung zu veranlassen. Er starb, zu früh für seine Pläne, im Jahr 1988. So konnte er auch nicht mehr die Übergabe meines Kleist-Archivs an die Stadtbücherei Heilbronn drei Jahre später erleben, die, wie ich glaube, durch Vermittlung von Uwe Jacobi von der „Heilbronner Stimme“ nach Verhandlungen mit Bürgermeister Reiner Casse und dem neuen Büchereidirektor Dr. Konrad Umlauf zustande kam. Zunächst hielt die Sammlung noch eine Art Winterschlaf. Material-Erfassung, Unterbringung und Katalogisierung zogen sich hin, und es dauerte einige Jahre, ehe das Kleist-Archiv zu seiner vollen Entfaltung kam, wie sie jetzt unter Büchereidirektor Günther Emig und seiner tüchtigen wissenschaftlichen Mitarbeiterin Anke Tanzer im Gange ist. Bei aller Bewunderung und Dankbarkeit für ihr Tun wird mir bei den sich so vielfältig entwickelnden Aktivitäten doch ein wenig bange, und bei „Kleist im Internet“ wollen sich mir die Haare sträuben. Zu den erfreulichen Aktivitäten gehört nun die heutige Präsentation, die die Stadtbücherei Heilbronn im Verein mit dem Carl Hanser Verlag in München übernommen hat. Die beiden hier vorzustellenden Titel, „Heinrich von Kleists Lebensspuren“ und „Heinrich von Kleists Nachruhm“, sind keine Unbekannte. Es gab sie bereits in mehreren Auflagen und bei verschiedenen Verlagen. Als ich vor zwei Jahren hier in Heilbronn über die „Lebensspuren“ sprach, „Nachricht von einer nützlichen Edition“ gab, bestand allerdings bereits die Tatsache, daß ich meine Verlagsrechte im Insel Verlag zurückgezogen hatte und neue, erweiterte Publikationsmöglichkeiten ins Auge faßte.3 Wenn nunmehr „Lebensspuren“ und „Nachruhm“ vom Carl Hanser Verlag verlegt werden, der seit 45 Jahren meine Ausgabe von Kleists Werken und Briefen (inzwischen in 9. Auflage) betreut und der erste Verlag war, der nach dem Kriege das Wagnis einer Kleistausgabe unternahm, so hat das wohl ein besonderes Gewicht. Schon im äußeren Erscheinungsbild, in Format und Schrift, sind die beiden Bände jener Werk-Ausgabe im Carl Hanser Verlag angeglichen, zu der sie als unentbehrliche Ergänzung von jeher gehörten. Bei diesen grundlegenden Neuauflagen konnte der Dokumentenbestand aufgrund neuerer Quellenfunde in beiden Bänden erheblich vermehrt werden, wobei ein Großteil des Materials aus den Veröffentlichungen des Professors Hermann F. Weiss (Ann Arbor, USA) stammt, und ich bedauere, daß Herr Weiss bei der heutigen Präsentation nicht dabei sein kann. Der jetzt erschienene „Nachruhm“-Band bringt etwa 30 von ihm gefundene Texte, die im Zusammenhang mit dem schon vorhandenen Material ihre besondere Bedeutung gewinnen. Hierfür wiederum ein das „Käthchen von Heilbronn“ betreffendes Beispiel. Hermann Weiss konnte nicht nur die zeitgenössischen Journalberichte über Kleists und seiner Freundin Tod erheblich vermehren, er fand auch in Privatarchiven bisher unbekannte Äußerungen dazu. So schreibt ein gewisser Alexander von Einsiedel an seinen Freund Ernst Blümner zwei Wochen nach Kleists Tod: „Sie haben in Dresden den Herrn v. Kleist gekannt – einst mein Nebenbuhler; er hat sich in der Umgebung von Berlin mit einem Pistolenschuß entleibt, mit einer verheirateten Frau, die er liebte und von der er geliebt wurde, ohne daß man einen Grund dazu wüßte. Emma Körner hat meiner Frau eine Abschrift dieser Geschichte in der Zeitung geschickt, wo gesagt ist: aus reinem Verlangen nach jener beßren Welt ...“4 Kleist – „einst mein Nebenbuhler“? Das überrascht. Dieser Alexander von Einsiedel war der Mann der Julie Kunze, einer Pflegetochter von Christian Gottfried Körner in Dresden, um die er im Frühjahr 1808 im Körner-Haus geworben und die er im Herbst des gleichen Jahres geheiratet hat. Angeblich soll Kleist damals mit Julie Kunze verbunden gewesen sein, dann aber das Verhältnis, das er geheimzuhalten wünschte, abrupt abgebrochen und in der Figur des „Käthchens von Heilbronn“ seine Idealvorstellung dieses Mädchens entworfen haben. Die neuere Kleist-Forschung hält von dieser Verlobungsgeschichte wenig. So behauptet etwa Hans Dieter Zimmermann in seinem 1989 erschienenen Kleist-Buch, daß sich Kleist nach Lösung der Verlobung mit Wilhelmine von Zenge keiner Frau mehr genähert habe – jedenfalls keiner, mit der er eine Ehe hätte eingehen wollen. Es ist die Rede von Kleists „Furcht vor der Frau“, von homosexuellen Neigungen usw.5 Hinrich C. Seeba, der „Käthchen“-Kommentator in der Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags, meint, daß die Geschichte auch dadurch nicht an Glaubwürdigkeit gewänne, daß eine Nicht der Julie Kunze später den Kleist-Forschern erzählt habe, Julie sei noch in ihrem Alter zu ihrem Verdruß von Verwandten und Freunden als Urbild des Käthchens geneckt worden.6 Auch Helmut Koopmann bezeichnet im Kommentar seiner KleistAusgabe von 1994 die Annahme als abwegig, daß sich Kleist im „Käthchen von Heilbronn“ für eine gescheiterte Liaison habe rächen wollen, da von einer Liebesbeziehung Kleists zu Julie Kunze nichts überliefert sei.7 Diese Einwände sind nun durch die Zeugnisse überholt worden, die Hermann Weiss in den Nachlässen von Ernst und Heinrich Blümner ausfindig machte. In den Tagebuchnotizen von Ernst Blümner zum Beispiel gibt es einen bezeichnenden Stimmungsbericht aus dieser Zeit. Seine Notiz aus Dresden vom 17. März 1808 ist französisch geschrieben und wurde von mir in deutscher Übersetzung in den Zusammenhang der „Lebensspuren“ eingereiht: „Es gab diesen Abend ein charmantes kleines Souper bei Körner. Einsiedel war dabei. Er hat offenbar keinen schlechten Stand in der Familie, und Julie scheint einiges Interesse für ihn zu besitzen. Sicher ist, daß Herr v. Kleist, der anscheinend ein Auge auf dieses Fräulein geworfen hatte, zusehends schlecht gelaunt wurde.“ („Mr. de Kleist étoit visiblement de mauvais humeur.“)8 Unter diesem Aspekt gewinnen die Berichte von angeblichen Verzweiflungsausbrüchen Kleists in Dresden an Glaubwürdigkeit. Clemens Brentano z. B. wußte von Ernst von Pfuel, daß dieser in Dresden Kleist acht Tage wegen einer in der Liebe gekränkten Eifersucht wahnsinnig und rasend in seiner Stube gehabt habe.9 Eduard von Bülow berichtet in seiner Kleist-Biographie von Selbstmordversuchen Kleists in Dresden und daß Freund Rühle von Lilienstern den Dichter eines Tages besinnungslos nach Einnahme einer starken Dosis Opium auf seinem Bette gefunden habe.10 Die Kenntnis der neuen Texte zwingt uns, nicht nur in dem hier vorgetragenen Fall, einiges in Kleists Biographie neu zu fassen und auch die Hypothese von Kleists angeblicher Homosexualität neu zu überdenken. Abschließend seien die Aussprüche von drei Kleist-Forschern zitiert, die in der neuen „Nachruhm“-Ausgabe gleichsam als Leitworte angeführt werden. Sie scheinen mir in ihrer Kürze recht bezeichnend für Kleist und sein Werk zu sein. Da ist der österreichische Literarhistoriker Jakob Minor, der 1911, ein Jahr vor seinem Tode, konstatiert: „Heinrich von Kleist ist das schwierigste Problem der Literaturgeschichte, und je weiter die Forschung fortschreitet, um so schwieriger wird das Problem.“11 Ich glaube, auch heute wird mancher Fachgenosse diesen Ausspruch unterschreiben wollen. Dann der tschechische Germanist Ottokar Fischer. Er bespricht 1925 eine Kleist-Monographie, die in Kleists Werk überall Katholisches zu erkennen glaubte. Sie war vom Verlag angekündigt mit den Worten: „Siehe da, die Sphinx redet.“ Dazu Fischer: „Die Sphinx redet. Die Sphinx Kleist. Aber nicht zum erstenmal. Sie hat jedesmal gesprochen, so oft ihr ein Wißbegieriger die Frage seiner Seele vortrug. Nur hat die Antwort stets anders gelautet ...“ Und Fischer meint weiter: „Wieviele Kleist-Spiegelungen haben nicht die Jahre gebracht, die seit der hundertsten Wiederkehr seines Todestages verflossen sind ... Ein Kleistbuch ,schlechthin’ hat es nie gegeben, ,das’ Kleistbuch wird wohl nie geschrieben werden.“12 Die mancherlei Interpretationen und Deutungen seines Lebens und seines Werkes, die in neuerer Zeit erschienen sind, können diese Aussage wohl nur bestätigen. Und nun der Kleist-Forscher Georg Minde-Pouet, der Herausgeber der letzten großen Kleist-Ausgabe vor dem Kriege. Einem amerikanischen Kollegen schrieb er vor seinem Tode im Jahr 1950: „Der alte Fluch, der über dem Menschen und Dichter Kleist lag und ihn über den Tod verfolgt hat, wirkt auch jetzt noch weiter.“13 Wer all die Mißhelligkeiten, all die Fehlschläge und Wirrnisse um Kleist in Forschung und Publikation kennt und miterlebt hat, wird für ein solches finsteres Wort durchaus Verständnis aufbringen. Die Akten über Kleist sind nicht geschlossen. Sie mögen noch manche Überraschung bringen. Die Wirkung seines Werkes ist aktueller denn je. Die neuen Editionen von „Lebensspuren“ und „Nachruhm“ mögen dazu beitragen, das Wissen um ihn zu vertiefen und zu festigen.


1 Kleist und sein Käthchen von Heilbronn. In: Jahrbuch für schwäbischfränkische Geschichte. 29. 1979/81. Heilbronn 1981. S. 8193 (auch in: In Sachen Kleist. 2. Aufl., München 1984)
2 Das Detmolder „Käthchen“. Vom Fund eines bedeutsamen Bühnenmanuskripts. Erw. Druckfassung eines Vortrags. Heilbronn 1982 (Heilbronner Vorträge. 16)
3 Nachricht von einer nützlichen Edition. Vortrag in der Stadtbücherei Heilbronn. Heilbronn 1995 (Heilbronner KleistSchriften. 5)
4 Heinrich von Kleists Nachruhm. 4., erw. Auflage. München 1996. Nr. *15.
5 Heinz Dieter Zimmermann: Kleist, die Liebe und der Tod. Frankfurt.a.M. 1989. S. 137 ff.
6 Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Bd. 2, hrsg. von Ilse-Marie Barth u. Hinrich C. Seeba. Frankfurt a.M.: Deutscher Klassiker Verlag 1987. S. 867 f.
7 Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke. Hrsg. von Helmut Koopmann. München 1994. S. 1049 f.
8 Heinrich von Kleists Lebensspuren. 7., erw. Aufl. München, Wien 1996. Nr. 270a.
9 Nachruhm (wie Anm. 4), Nr. 263 c.
10 Lebensspuren (wie Anm. 8), Nr. 269.
11 Nachruhm (wie Anm. 4), Nr. 238.
12 Nachruhm (wie Anm. 4), Nr. 455 c.
13 Nachruhm (wie Anm. 4), Nr. 248.