Helmut Sembdner:
Von der Anziehungskraft des Bezüglichen


Vor dem Krieg studierte ich an der Berliner Universität. Eines Tages fand ich am Schwarzen Brett die Ankündigung einer akademischen Preisaufgabe mit dem Thema "Die Berliner Abendblätter Heinrich von Kleists, ihre Quellen und ihre Redaktion". Das reizte mich, studierte ich doch Germanistik und Zeitungswissenschaft und hatte schon von der Schule her eine besondere Beziehung zu diesem Dichter. Emil Dovifat, der Zeitungswissenschaftler, riet mir zwar dringend ab, zumal kurz zuvor ein Doktorand von ihm mit dem gleichen Thema Schiffbruch erlitten hatte. Als ich aber - und das ist wesentlich - kurz darauf im Schaufenster des "Bücherwurms" in der Motzstraße die schöne Faksimile-Ausgabe der "Berliner Abendblätter" antiquarisch angeboten fand, war das für mich ein eindeutiger Wink des Schicksals, der seine Folgen haben sollte.

Das Geld zum Ankauf des Buches besorgte ich mir, unter Hinweis auf mein Vorhaben, von einer mir wohlwollenden Tante; sehr zum Mißfallen meines Bruders, der darin einen Trick sah, um auf billige Weise die eigene Bibliothek zu bereichern. Er täuschte sich - und überhaupt mag dieses Buch, das zum Grundstock meiner Kleistsammlung wurde, ein Exempel dafür sein, wie diese Sammlung aus der Arbeit und für die Arbeit, und recht eigentlich aus der Freude des Sammlers an der Vermehrung seines Besitzes entstand.

Schon früh machte sich dabei etwas von dem seltsamen Gesetz bemerkbar, das Wilhelm von Scholz als "Anziehungskraft des Bezüglichen" charakterisierte. Es konnte geschehen, daß ich an einem Bücherkarren vor der Universitätsbibliothek einen alten Band herauszog, aufschlug und eine bis dahin unbekannte Vorlage für eine Kleistsche Anekdote entdeckte.

Vor Ausbruch des Krieges und meiner Einberufung war die Preisarbeit über die "Berliner Abendblätter" und die Neuausgabe von Kleists "Kleinen Schriften" zum Druck gelangt; glücklicherweise, denn dann brannte meine Sammlung mit den kaum nochmals auffindbaren Unterlagen nieder. Der größte Teil wenigstens war durch den Druck in die Scheuer gebracht.

Nach dem Krieg in Stuttgart ansässig geworden, dachte ich meine Forschungen wieder aufzunehmen; doch damals war Kleist nicht gefragt. Das hatte insofern sein Gutes für mich, als man die Schriften, die ich zum Wiederaufbau meiner Sammlung brauchte, nach der Währungsreform bei einigenz Glück recht preiswert erstehen konnte. Das Antiquariat Lutz und Meyer verlangte für die dreibändige Tiecksche Ausgabe von Kleists "Gesammelten Schriften" ganze 35 Mark, Steinkopf für das reizende Halbfranzbändchen von „Kleists Leben und Briefe", herausgegeben von Eduard von Bülow, 5 Mark. Für die nun beginnende Arbeit an Kleists "Lebensspuren", für die Untersuchung Kleistscher Interpunktionsabsichten im Zusammenhang mit der Neuausgabe seiner Werke und dergleichen erwies sich wieder der eigene, ständig verfügbare Besitz an Erstausgaben, von Memoiren- und Quellenwerken sowie der wichtigsten Sekundärliteratur als segensreich.

Vielfach verhalfen Kollegen und Freunde uneigennützig zu interessanten Entdeckungen. Fritz Martini brachte mir aus seinem Urlaub in Jugoslawien das Falksche Taschenbüchlein von 1802 mit, das er in der Krabbelkiste eines dortigen Antiquariats aufgestöbert hatte. Es enthielt die erste Fassung von Johann Daniel Falks Amphitryon-Bearbeitung und gab mir den Anstoß, den unbeachtet gebliebenen Beziehungen zwischen Falk und Kleist nachzugehen. Nun hätte es gar nicht der verschlungenen Wege bedurft, auf denen das in Weimar gedruckte, aus einer Klagenfurter Buchhandlung stammende und nach Jugoslawien verschlagene Exemplar bis in meine Studierstube gelangte: das Buch war auch in der hiesigen Landesbibliothek vorhanden; nur - es mir auszuborgen, hatte kein Anlaß bestanden.

Seltsamer noch ist das Geschick meines Exemplars von Kleists "Hinterlassenen Schriften". Das eben 1821 von Tieck herausgegebene Werk wurde von Marie von Kleist in Berlin dem auf der Durchreise befindlichen russischen Schriftsteller W. A. Joukowski geschenkt, der es in seine Heimat mitnahm und später vermutlich der Universitätsbibliothek in Tomsk vermachte, aus deren Besitz es, auf welchen Wegen immer, in desolatem Zustand in eine Schweizer Buchhandlung gelangte, wo es der Stuttgarter Antiquar Fritz Eggert entdeckte, der es herrichten ließ und mir zum Kauf anbot.

Oder da ist das handgeschriebene Soufflierbuch des "Käthchen von Heilbronn", vom Fürstlich Lippeschen Hoftheater in Detmold, das im vorigen Jahrhundert ein Bühnenangehöriger nebst anderem Material von dort entführt haben mag: Aus Leipzig, worauf ein Zensurstempel in einem zweiten Soufflierbuch verweist, kamen die Bühnenschriften nach München und gerieten vor dem letzten Krieg auf den Flohmarkt der Auer Dult. Dort fand sie Wolfgang Grözinger, der sie mir übereignete.

Der Erstdruck der "Penthesilea", den ich besitze, stammt vom Geburtstagstisch Erich Schmidts, des Herausgebers der maßgebenden Kleistausgabe von 1905. Das Germanistische Seminar in Berlin schenkte ihn am 20. Juni 1903 "seinem verehrten, geliebten Meister", wie das beigegebene Sclimuckblatt im herrlich verschnörkelten Jugendstil verkündete.
Gelegentlich deuten eingeklebte Exlibris auf Vorbesitzer, deren Identität sich nicht mehr feststellen ließ; manches aus deren aufgelösten Sammlungen fand sich bei mir als einstmals Getrenntes wieder.

Aber fast ein jedes Stück dieser Sammlung bot Anregung, war Ausgangspunkt und wesentliches Hilfsmittel zu weiterer Forschung und Editionsarbeit in Sachen Kleist.

(Aus: Heinrich von Kleist zum 200. Geburtstag. Eine Privatsammlung. Vorgestellt von Helmut Sembdner. [Marbach: Schiller-Nationalmuseum u. Dt. Literaturarchiv 1977. S. 3-4. (Marbacher Magazin. 7/1977))