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THEMA: NR 1911 Frank Wedekinds Münchner »Kleist-Rede«

NR 1911 Frank Wedekinds Münchner »Kleist-Rede« 4 Monate 1 Woche her #20

Heute kam von Wedekind ein Brief, der auf unser Gespräch von vorgestern Bezug nimmt. Er habe an Fred geschrieben und ihn »mit allen Mitteln« auf mich gehetzt wegen der Mitarbeit am »Pan«. Zugleich bittet er mich, von meiner Kenntnis der Vorgänge beim Abdruck seiner Kleist-Rede in den Münchner Neuesten Nachrichten keinen Gebrauch zu machen. (Er hatte mir vorgestern die Erlaubnis dazu gegeben). Hier mag der Fall wenigstens Platz finden. Wedekind hatte im Schauspielhaus eine Rede zum hundertjährigen Todestage Kleists gehalten. Diese Rede war in den »Münchner Neuesten« abgedruckt, und man las mit Erstaunen darin eine Stelle, die etwa so lautete: »Bei der Angstmeierei der Parteien wird keine Zeitung es wagen, die Worte, die ich jetzt spreche, zu drucken.« Man sagte sich: Aha, die Kuhhaut will Mut markieren und druckt es jetzt grade. Dann erzählte mir Wedekind, seine Worte hätten gelautet: »Bei der Angstmeierei der Sozialdemokraten und Liberalen ebenso wie der andern Parteien –ڰ. Das hat er aber ändern müssen für die tapferen »Neuesten«. Aber doch die Angstmeierei! Also grade im Abdruck dieses Satzes, der ihn widerlegen soll, die Bestätigung! Es ist toll.
(Erich Mühsam, Tagebuch, »München, Montag, d. 4. Dezember 1911«)
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