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THEMA: NR 1910 Erich Mühsams Kleist-Lektüre und Prügel

NR 1910 Erich Mühsams Kleist-Lektüre und Prügel 1 Woche 6 Tage her #19

Man kannte meine Neigung, Bücher zu lesen. Nie erhielt ich welche geschenkt, und als man dahinter kam, daß ich nachts heimlich aufstand, an den Bücherschrank der Eltern ging und mir die Werke Kleists, Goethes, Wielands, Jean Pauls herausholte, da verschloß man den Schrank und nahm mir die einzige Möglichkeit, meine tiefe Sehnsucht zu befriedigen. Geld bekam ich nie in die Hand. Als ich es mir dadurch erschwindelte, daß ich vorgab, hier und da Schreibhefte, Bleistifte u.s.w. zu gebrauchen, da wurde ich in der grauenhaftesten Weise geschlagen. Ich denke mit wahrem Grauen an die Tage, wo ich herumschlich, angstvoll auf die versprochenen Keile zu warten. Denn mir war für ein so schreckliches Verbrechen, daß ich 20-30 Pfennige »unterschlagen« hatte (denn mein Vater drückte sich in solchen Fällen gern möglichst juristisch aus), eine dreifache Auflage von Prügeln zudiktiert worden, d. h., ich hatte an drei Tagen hintereinander mich zum Empfang der Strafe zu melden. Etwas Haarsträubenderes an viehischer Grausamkeit ist wohl nie ausgesonnen worden, und ich war wohl 12-13 Jahre alt, voll kindlicher erwachender Sehnsucht und tiefer empfindend als andre Jungen.
(Erich Mühsam, Tagebuch, »Château-d’Oex, Freitag 2. September 1910«)
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