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THEMA: Kleists Bombenpost

Kleists Bombenpost 3 Wochen 1 Tag her #28

Fundsache, Zeitungsartikel, Tägliche Rundschau, Berlin, 29. 12. 1910 [?], Aus Kunst, Wissenschaft und Leben. Kleine Mitteilungen:

"Bombenpost im Mittelalter
Man schreibt uns:
Heinrich v. Kleists Vorschlag einer Postbeförderung durch Bomben ([unleserlich] 603) wird durchaus kein Scherz gewesen sein: die Geschichte weiß von Fällen zu berichten, wo beispielsweise ein Ersatzheer in eine belagerte Stadt Nachrichten mittels Hohlkugeln geschleudert hat. Einer von ihnen ereignete sich, als Karl der Kühne im Jahre 1474 die Gründung eines großen Reichs Burgund, vergleichbar dem Reiche Kaiser Lothars, plante und auf seinem Ansturm gegen das Deutsche Reich, bei Belagerung der festen Stadt Neuß am Rhein, durch die heldenmütige Tapferkeit der Neußer zehn Monate, vom 29. Juli 1474 bis zum 28. Mai 1475, festgehalten wurde und schließlich, nach Eintreffen eines kaiserlichen Ersatzheeres, unverrichteter Sache abziehen mußte.
Christian Wierstraet, der damalige Neußer Stadtsekretarius, hat in einer niederdeutschen gereimten Chronik von über 3.000 Versen diese denkwürdige Belagerung, die den Wendepunkt in Karls des Kühnen Geschick bedeutete, beschrieben, und er erwähnt vielfach die erst mißlungenen, dann geglückten Versuche der Belagerten und eines Kölner Entsatzheeres, sich auf jene Weise zu verständigen. Die Kölner lagen 'auf den Steinen', im jetzigen Düsseldort-Hamm; von da über den Rhein, die Rheininseln und kleine Rheinarme bis zur Neußer Stadtmauer sind 2 1/2 Km. Die erste Hohlkugel fiel ins feindliche Lager und wurde mit Hohn den armen Belagerten gezeigt; zwei fielen in einen Rheinarm, doch eine fischte man heraus und fand darin die tröstliche Botschaft; die Neußer schöpften neuen Mut zum Ausharren und schossen Antwort, aber beide Kugeln fielen in den Rhein. Dann hatten die Kölner sich eingeschossen, und das nächstemal, am zweiten Mai und am dritten (Himmelfahrtstag) trafen sie, diesmal auf den Friedhof.
Up uns heren up farts Dach
schussen die Frund von den steinen
mit trostliger Schrift noch einen
Donnerklot, fiel up den Frijthof:
Der bussenmeister egden' lof.
Die Neußer mochten den Büchsenmeister wohl loben, denn der Brief in der Kugel meldete den Aufbruch des kaiserlichen Ersatzheeres von Köln unter Kaiser Friedrich III.; aber es zog so langsam, daß noch Wochen hingingen, ehe es eingriff; inzwischen ging die Bombenpost weiter, und die Belagerten verabredeten mit den Kölner Bundesgenossen Zeichen: bei den Kölnern nachts eine Feuerpfanne, bei den Neußern tags ein Wimpel; bis zum 22. Mai dauerte der Briefwechsel; am 28. Mai wurde Waffenstillstand abgeschlossen und am 10. Juni zog Karl der Kühne ab.
Von den Botschaften, die mittels der 'Donnerkugel' über den Rhein geflogen sind, ist eine, ein Neußer Brief vom 8. Mai heute noch im Besitz des Empfängers (d. h. der Stadt Köln) im Stadtarchiv daselbst.
[Unterschrift:] N."

Der DKV-Kommentar, S. 1181, führt eine Erfindung des Arztes und Physikers Samuel Thomas Sömmering als Anlaß "für einen witzigen Gegenvorschlag" Kleists ("der übrigens ersthaft erwogen und erprobt wurde") an. Nun mag man nicht dem armen Heinrich Allwissenheit unterstellen, also auch nicht die Kenntnis der Neußer Ereignisse. Aber interessant und mitteilenswert scheint uns der Casus trotzdem. – ge -
Letzte Änderung: von atminn.
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